Wie kann man zu sowas tanzen?

Als Jugendlicher war ich immer von Musik inspiriert, Musik gab es bereits zu Hause, von Jazz bis zu polnischen und internationalen Chansons und politischen Liedern wurde bei uns viel Musik gehört. Durch Freunde kam ich zu Reggae Musik, deutscher Hip-Hop bildet in meiner Erinnerung mit den 1990er Jahren eine Einheit. Zahlreiche der damals populären Bands wie Fettes Brot, Beginner oder Freundeskreis haben mich begeistert. Was ich früher nie verstanden habe waren Discotheken, Tanzevents. Warum sollte man zu abgespielter Musik so tanzen als wäre sie live? Spannend, dass das was ich damals so unsinnig fand heute ein zentraler Bestandteil meines Lebens geworden ist. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit Freunden zum “Summerjam” Festival in Köln Ende der 1990er Jahre. Dies hat mich sehr geprägt, die Vielfalt der Musik, das Live Erlebnis, aber eben auch die Tatsache, dass DJs sehr wohl auch Künstler sind und ihre “Crowd” steuern können, wenn sie genau “lesen” was die Menschen als nächstes brauchen um in – glücklicher – Bewegung zu bleiben. In dieser Zeit habe ich für verschiedene Privatparties im Freundeskreis mit Computer (Kein Laptop ;)) und gut gepflegten Winamp-Playlists, später dann mit CDs gespielt.

Das schwarze Gold

Meine ersten beiden Vinyl-Schallplatten waren Promotionskopien, “Viele Wege führen nach Rom” von Fettes Brot und “Hand auf’s Herz” von Eins,Zwo, diese habe ich als Redakteur der Schülerzeitung “Transparent” am Görres-Gymnasium Düsseldorf erhalten. Wir hatten keinen Schallplattenspieler und so musste ich diese bei unseren Nachbarn hören, hin und wieder und natürlich nicht zu laut. Musikalisch war ich da aber schon ganz woanders, Freunde hatten mich nämlich in den Düsseldorfer “Unique Club” von Henry Storch mitgenommen: Rote Lederwände, ein Bass der den ganzen Körper vibrieren ließ und Menschen in ausgefallenen Anzügen und Kleidern. Dazu Soul und Funk Musik, davon inspirierter Hip-Hop. Meistens Samstags waren wir gerne im Unique, auch wenn wir zu den Jüngsten gehörten oder gerade vielleicht deswegen war es immer ein großes Erlebnis. Und auch, weil es bis tief in den Morgen ging und ich mit dem ersten Bus nach Hause fuhr. Und: Hier wurde die Musik von Schallplatte gespielt. Meistens von Singles. Diesem antiquierten und verschwenderischen Tonträger.

Dann muss man es selber machen

2003 zog ich nach Marburg zum Studieren. Am ersten Abend ging ich zu einem Konzert des “Frank Popp Ensembles”, vor und nach dem Konzert spielte ein gewisser Teofilo Talomonti seine Platten. An den musste ich ran! Da Teo umtriebig war sind wir einige Wochen später ins Gespräch gekommen und Teo bot an, dass ich mit ihm bei der Barnacht “zone:bar” im Cafe Trauma ein paar Platten drehen könnte. Ich hatte inzwischen dank E-Bay und Plattenläden eine kleine Sammlung anhäufen können und so begann ich Stück für Stück “aufzulegen”. Irgendwann sponsorte meine Oma dann zwei Plattenspieler (silberne 1210er, die ich bis heute nutze) und ich (damals unter dem Namen “Will B.R. Emsen”, super Wortspiel!) begann erst auf Privatparties und dann im o.g. Cafe Trauma an Samstag Abenden aufzulegen. Da außer Teo niemand die Musik spielte, die ich liebte, mussten wir es also zusammen machen. 4 Jahre lang haben wir dann die monatliche Reihe “G Funkt” im G-Werk gemacht (teilweise unterstützt durch “Herr Blume”), nachdem uns der Titel “Ausnahmsweise” verboten wurde (weil es die anderen Veranstaltungen im Programm vermeintlich herabsetzte). Dabei haben wir immer eine sehr bunte Mischung gespielt, Soul und Funk als Leitfaden, dazwischen war fast alles erlaubt, außer Gitarren und Techno.

Neue Stadt, neues Glück, “Wedding Soul”

2010 kam ich nach Berlin, vor der 30 dahin, das war mein Traum den ich mir verwirklicht hatte. Nach kurzer Zeit ergaben sich erste Gigs, aber keine Frage, es war nicht einfach irgendwo rein zu kommen. In allen großen Clubs waren die besten Termine schon vergeben und Soul und Funk Musik hatte in Berlin zu diesem Zeitpunkt auch nicht seinen Höhepunkt. Es gab die “Soul Inn” und die “Soul Explosion”, zu denen ich anfangs häufig auch ganz alleine hingegangen bin, weil niemand mitkommen wollte. Über einen herrlichen Zufall kam ich zum “Beat Kollektiv”: Der Babysitter des Kindes meines Mitbewohners sagte mir er kenne so Jungs, die auch so Musik machen würden wie ich. Er stellte den Kontakt her und nach 2,3 Mal gemeinsamen Spielens wurde ich ins Kollektiv aufgenommen. Bereits zuvor hatte ich unter dem DJ Namen “Wedding Soul” in einigen Bars sowie beim “Möbelrücken” im Ritter Butzke gespielt. Ich (mit meinem neuen DJ Namen “Florian Forderschinken”) hatte den Panke Club im Wedding und seine Besitzer kennengelernt und konnte die Jungs vom Kollektiv schnell überzeugen, dass wir dort eine größere Party versuchen sollten, sie waren selber schon auf der Suche nach so einer Möglichkeit gewesen. 2012 startete dann die “Wedding Soul”. Nach dem Motto “Wenn uns die großen Clubs nicht buchen machen wir selber einen” haben wir über mehr als fünf Jahre die “Wedding Soul” entwickelt. Zuerst als Barnacht, ab Ende 2012 dann als großes Event. Mit Gast DJs aus aller Welt, Bands, Visuals und zahlreichen Specials. Als Kollektiv haben wir alles gegeben und uns manches Mal verausgabt. Immer zurecht, und immer im Morgengrauen glücklich nach Hause laufend, glücklich darüber was uns da wieder geglückt war.

Unsere Gäste lesen sich wie das Who is Who der Szene, und deswegen und nicht ohne ein wenig Stolz möchte ich sie hier aufführen (in zufälliger Reihenfolge): Los Wawis, Henry Storch, Andrea Benini (Mop Mop), Le Grand Uff Zaque, Gesa Simons, Meodeus, Herr Hobrecht, El Bufonk, Sabrina Golian, Marc Hype, Elad Ron, Little Mike, Dj Scientist, Dj Cutrock, Freddy Fischer & His Rocktime Band, Xaver Fischer Trio, Johnny Hitman, Martin Mikulas, Mr Doris, Mr Thing, J-Star, Nichola Richards, The Mighty Mocambos, Papa Zura & Kapitan Sparky (Soul Service), Mitch Alive & The Alives, Mzuzu (Legere Recordings), DJ Amir, Diazpora feat. Ray Darwin, El Bufonk & Madkab (Funky Stretch Marks), Daniel W. Best, Keys Richards, Roskow Kretchmann & Tom Sky (Black Pearl Records), Pussy Soulsugar, E Da Boss, Jazzanova, Ephemerals, Scarce One & Skeme Richards & Selekta M (Hot Peas & Butta), J.A.W Family, Twit One, Nano Nansen, Sandra/Frinda di Lanco, Max Graef, Dom Servini (Wah Wah 45), Dj Platurn, Aruelio LostGrooves, Florian Keller, Beatgeeks, Cedric Bardawil (Aloha Got Soul).

Auf zu neuen Ufern

Ende 2017 haben wir die Wedding Soul nach 66 Shows beendet und bauten am neuen “Baby” im Humboldthain Club. Alle zwei Monate gab es die “Kool & Together”, hat aber irgendwie nicht gepasst. Nun ging es zu ganz neuen und alten Ufern: Seit 2018 mache ich die STRANGER FUNK, monatlich als Wohnzimmer Session im Neuköllner Klunkerkranich, seit 2019 ebenfalls monatlich als Basement Party im DasHotel Club. Darüber hinaus auch gerne im Ausland, in anderen Städten, mit anderen, tollen Menschen.

Auch heute zählt für mich nur Eines: Gute Stimmung auf dem Dancefloor und eine ausgewogene Mischung. Ein gutes auf und ab, die Leute nicht über- aber auch nicht unterfordern. Das Publikum darf ruhig mal grübeln können, die besten Tracks entfalten ihre Wirkung nicht sofort, sondern erst nach einigen Takten. Wenn bei den Tanzenden ein “Aha!”-Effekt Eintritt, verzückte und überraschte Gesichter, das ist für mich bis heute jedes Mal Begeisterung pur!

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